Endophytengifte im Weidegras

Endophyten sind Pilze die innerhalb der Zellen von Pflanzen mit diesen in Symbiose leben.  Sie sind unsichtbar und werden über die Samen weitergegeben,  können aber auch durch Blattläuse von Pflanze zu Pflanze übertragen werden.  In Situationen , die für die Pflanze Stress bedeuten, wie etwa Dürre, produziert der Endophyt  Stoffe, die die Pflanze schützen.

Diese Stoffe können unter anderem abschreckend gegen Fraßfeinde, also Insekten wirken, einige sind aber auch sehr giftig für grasfressende Säugetiere.  Endophyten, die für Weidetiere gefährlich werden können, kommen erwiesenermaßen vor im Weidelgras (Lolium perenne) ,im Wiesenschwingel (Festuca pratensis) und im Rohrschwingel (Festuca arundinacea) die sehr eng miteinander verwandt sind.
Von Lolium perenne , hierzulande als Deutsches Weidelgras, im englischsprachigen Raum als `perennial raygrass‘ bezeichnet, gibt es Varietäten, die den Pilz Neotyphodium loli beherbergen. Dieser kann das Gift Lolitrem B bilden, welches bei Weidetieren zu Vergiftungserscheinungen führen kann. Je nach aufgenommener Menge und Empfindlichkeit des Tieres kommt es zu Zittern, Schwanken, Störungen der Muskelkoordination, Lähmungen, Krämpfe, Ataxien bis hin zum Tod.  Nimmt man die Pferde rechtzeitig von der betroffenen Weide, erholen sie sich innerhalb einiger Tage. Diese als ´Ryegrass staggers` , auf deutsch Weidelgrastaumelkrankheit, bezeichnete Vergiftung , die vor allem Schafe und Pferde betrifft, ist in den USA und besonders in Neuseeland ein wohlbekanntes und gefürchtetes Problem.  Interessanterweise wird in Neuseeland nur endophyteninfiziertes Weidelgras angebaut,  um Ertragsverlusten durch dort vorkommende grasfressende Käfer vorzubeugen. Hinzu kommt, dass der Endophyt das Gift  vor allem in warmen trockenen Perioden produziert. So ist in Neuseeland und Teilen der USA die Wahrscheinlichkeit klimabedingt  höher, dass Tiere große Giftmengen aufnehmen und erkranken als in Deutschland.  Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass N. loli auch in hiesigem Weidelgras vorkommt und es durchaus möglich ist, dass die Erkrankung hier auch auftritt.  Niemand kann ausschließen, dass die dafür vorausgesetzten Wetterbedingungen auch hier einmal vorkommen.
Die Tücke an der Sache ist, dass Gras, das jahrelang von Pferden gefressen wurde, ohne Probleme zu bereiten, quasi von heute auf morgen hochgiftig werden kann. Dem Gras sieht man die Endophyteninfektion weder an, noch lässt sich genau vorhersagen, wann dieser große Giftmengen produziert.  Auch kann von zwei Pferden, die die gleiche Menge Gras von der selben Weide aufgenommen haben eines schwer erkranken und das andere gesund bleiben. Die Fähigkeit, Gifte abzubauen ist genetisch bedingt und sehr individuell.
Wie groß das Bewusstsein in den Amerika  und Neuseeland für diese Gefahr ist, sieht man, wenn man im Internet den Begriff „endophytenfreies  Saatgut“  auf englisch eingibt.  Die Saatgutanbieter werben mit diesem Hinweis.  Selbstverständlich ist es dort möglich und üblich Gras auf den Befall mit Endophyten labortechnisch untersuchen zu lassen. Hier in Deutschland bietet das bisher noch kein Labor an.
Zwar gibt es endophytenfreies Saatgut zu kaufen, doch hat man keine Gewähr, dass es nicht zu Verunreinigungen kommt  und die Endophyteninfektion sich auf dem Grünland ausbreitet.  Außerdem hat das endophytenfreie Gras keine Chance sich gegen bestehende , infizierte Populationen durchzusetzen, da letzeres evolutionsbiologisch klar im Vorteil ist. Es kommt besser mit Trockenheit und der Bedrohung durch Fraßfeinde zurecht.
Doch die Weidelgrastaumelkrankheit ist nicht die einizige Auswirkung, die Endophytengifte auf Pferde haben können:
Infitziertes Weidelgras und auch Schwingelgräser können Ergaovalin bilden. Diese den Mutterkorngiften ähnliche Substanz ruft bei Pferden in entsprechender Dosis  verschiedenste Symptome hervor, u.a. Hautentzündungen, Hufrehe,  gestörte Thermoregulation, vermehrtes Trinken, vermehrtes Speicheln, Durchfall,  hormonelle Imbalancen, Mineralstoffmangel,, Abmagern, stumpfes Fell , Entwicklungsstörungen bei Jungpferden, Fruchtbarkeits -und Geburtsstörungen bei Stuten. (Vanselow)
In den vierziger Jahren war eine bestimmte Sorte des Rohrschwingels (Festuca arundinacea) das dominierende Weidegras im mittleren Westen und Süden der USA. Hier kam es  bei vielen Rindern zu Durchblutungsstörungen, die zum Verlust von Ohren, Schwänzen und Füßen führte. Die Krankheit wurde „Fescue toxicosis“ genannt. Erst 1977 konnte man Nachweisen, dass der Rohrschwingel mit dem Endophyten Neotyphodium coenophialum befallen war. Dieser produziert Ergovalin, welches diese Symptome hervorruft. (www.pflanzenkrankheiten.ch)
Schwingel - und Weidelgräserendophyten bilden auch Loline, welche abschreckend auf Blattläuse wirken, weshalb die Gräser gezielt darauf gezüchtet wurden. Leider können auch diese zu erheblichen Vergiftungen bei Säugetieren führen, die einhergehen mit starker Ödembildung v.a. am Kopf, Niedergeschlagenheit und Lethargie.  Die Symptomatik ist bekannt als “Equine Fescue Oedema“ Schwingelödem. Eine nachhaltige Folge kann Unfruchtbarkeit bei Stuten durch massive Gebärmutterödeme sein. Die Biologin Dr. Renate Vanselow hat  die bekannten Hamsterbacken (Schwellung der Ohrspeicheldrüsen), die bei Pferden auftreten, die auf kurzgefressenen Weiden gegrast haben, als Lolinvergiftung im Verdacht (www.vfdnet.de)  Nach meiner Beobachtung tritt dieses Phänomen nie bei allen  und immer wieder bei den selben Pferden auf.  Was dazu passen würde, dass Pferde auch gegen Endophytengifte individuell sehr unterschiedlich empfindlich sind.  Zu der Theorie passt auch, dass es nicht jedesmal beim Fressen von kurzem Gras auftritt, sondern anscheinend von äußeren (Klima-?)Faktoren abhängt.  Befragt man Tierärzte zu den dicken Backen, hört man immer wieder neue Theorien, die mir aber alle nicht so richtig plausibel erscheinen wollen.


In einem Artikel der Neuseeländischen Pferdeseite horsetalk.co.nz  werden Hinweise gegeben, wie man das Risiko einer Endophytenvergiftung bei seinen Pferden verringern kann, wohlwissend, dass diese Endophyten auf der Weide vorhanden sind, was man in NZ  ja testen kann.  Dazu gehört  eine Wechselbeweidung, so dass  die Pferde nicht gezwungen sind, bei zu kurzem Gras die bodennahen Pflanzenteile zu fressen, welche vermehrt Endophyten enthalten. Das selbe gilt für die Samen, weshalb man Pferde auch nicht auf blühende Weiden lassen soll. Des weiteren soll man ,hat man ein jährlich wiederkehrendes Problem mit der Weidelgrastaumelkrankheit, die Pferde, die immer als erstes Symptome zeigen, also besonders empfindlich zu sein scheinen, genau beobachten, besonders in der Jahreszeit, in der man das Risiko für hoch hält (Sommer und Herbst)  Außerdem wird darauf hingewiesen, dass die Vergiftungsgefahr  um so größer ist, je mehr Gras die Tiere aufnehmen. Folglich sind  Pferde mit hohem Energiebedarf, also hochtragende oder laktierende Stuten, arbeitende Pferde, Jungtiere im Wachstum und solche, die ausschließlich auf der Weide gehalten werden, gefährdeter.
Es wurde die Erfahrung gemacht, dass Giftbindemittel, z.B. Bentonit  in leichteren Fällen helfen.
In dem Artikel steht auch , dass nicht nur die typischen Symptome wie Zittern und Taumeln auf Endophytengifte zurückzuführen sein sollen. Es gebe immer mehr Hinweise darauf, dass auch eine plötzlich erhöhte Schreckhaftigkeit Zeichen einer leichten Vergiftung sein kann, die sich gibt, sobald man die Pferde nicht mehr auf der betreffenden Weide grasen lässt.  

Bei all den verschiedenartigen  Symptomen,  Unvorhersehbarkeiten und Unklarheiten im Zusammenhang mit Vergiftungen durch Weidegräser besteht  einerseits die Gefahr, dass man  nun sämtliche Verhaltensabnormitäten oder Krankheitserscheinungen hierauf schieben will . Andererseits werden sicherlich viele Vergiftungsfälle nicht als solche erkannt, weil  das Bewusstsein  unter Pferdehaltern wie Tierärzten hierfür fehlt und diagnostische Möglichkeiten entweder noch nicht vorhanden sind oder nicht ausgeschöpft werden.

Was mich hierzulande in diesem Zusammenhang besorgt, sind die leider viel zu häufigen, plötzlich auftretenden Fälle von Hufrehe.  Es ist wohlbekannt, dass Hufrehe verschiedene Ursachen haben kann, aber in erster Linie ist es ein Symptom von Vergiftung. Erwiesenermaßen können verschiedene Stoffe, z.B. Pflanzengifte Rehe auslösen. In Abhängigkeit von der Dosis. Pferde, die jahrelang auf der selben Weide gestanden haben, bekommen von einem Tag auf den anderen einen heftigen Reheschub. Und das ganz ohne das Auftreten von Durchfall, was bei einer durch zu große Fruktanmengen und dadurch verursachten Störung des Dickdarmmilieus ausgelösten Rehe eigentlich der Fall sein müsste.
Auch besorgen mich Fälle von Headshaking  und von  COB mit erheblichen Bronchialkrämpfen, die sich offensichtlich immer dann verschlimmern, wenn das Pferd Weidegang hat. Und auch die dicken Ohrspeicheldrüsen, die manchmal vorkommen und manchmal nicht, bei bestimmten Pferden, für die es keine einhellige Erklärung gibt, die aber immer nur nach dem Fressen von kurzem Gras auftreten,. In der Blattbasis und im Halm sollen sich die Endophyten besonders konzentrieren. Das selbe gilt für Fruktane . Überhaupt bestehen hier viele Parallelen, den die Rohr- und Wiesenschwingel sowie Weidelgras sind  genau die Arten, in denen auch die höchsten Fruktanwerte in Stresssituationen gemessen wurden. Fruktane schützen die Pflanze vor Frost. Deshalb bleibt das Deutsche Weidelgras auch im Winter schön grün.

 


Fruktane und Endophyten, das ist das Erfolgsrezept der resistentesten, durchsetzungsfähigsten und ertragreichsten Gräserarten.  Zusätzlich sind sie besonders zucker- und kalorienreich und machen Nutztiere schnell fett oder lassen sie viel Milch geben. Deshalb wurden sie gezielt gezüchtet, dadurch noch leistungsfähiger gemacht und massenhaft in Monokulturen ausgesät. Dass dabei immer wieder Vergiftungsfälle auftreten,  ist zwar ein wirtschaftlicher Schaden, der aber von den genannten Vorteilen bei weitem überwogen wird. Das Risiko, dass bedingt durch das Wetter und die individuelle Empfindlichkeit der einzelnen Tiere solch ein wirtschaftlicher Schaden eintritt,  ist  relativ klein, so dass Landwirte damit leben können.  Kann jedoch ein Pferdebesitzer, der sein Tier liebt, mit diesem Risiko auch so ruhig leben?
Mir wäre es am liebsten, die Arten Deutsches Weidelgras, Wiesenschwingel und Rohrschwingel ganz von Pferdeweiden zu verbannen.  Andere Gräser und beherbergen auch  Endophyten, doch sind von diesen nicht annähernd so fatale Giftwirkungen bekannt.  Auch die Fruktanschwankungen  sind nicht so hoch.  Doch dies würde einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommen.  Nicht nur, dass die Landwirte sie ja extra einsäen, auch auf Pferdeweiden,  damit die Weide eben auch bei starkem Verbiss und Vertritt, bei Trockenheit  und auch bei kalten Temperaturen schön grün bleibt. Auch setzen sie sich ohnehin sehr gut gegen andere Gräser durch und die Pferde verursachen sogar noch eine Selektion auf sie. Sie beißen das Gras viel tiefer ab als Rinder, die Trittschädigung ist erheblicher. Lässt man seinen Weiden nun zusätzlich keine Zeit sich zu erholen und ist die Besatzdichte zu hoch, überlebt nur  das Deutsche Weidelgras. Davon abgesehen dass dies nun, wie wir gesehen haben, das denkbar ungeeignetste Gras für Pferde ist, sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass eine Monokultur keine gesunde Futtergrundlage sein kann, allein schon weil die Ernährung viel zu einseitig wäre.

 

Zu dem Deutschen Weidelgras gesellt sich auf solchen übernutzten Weiden meist auch noch Weißklee, auch eine der wenigen Pflanzen, die mit den Belastungen durch Pferdehufe und –zähne leben können. Dieser ist im Gegensatz zu Gräsern in der Lage Stickstoff aus der Luft zu verwerten und hat deshalb besonders auf stickstoffarmen, also ungedüngten Böden einen Vorteil. Besonderen Vorteil zieht er aber aus dem kurzen Verbiss.  Lässt man das Gras hoch wachsen, bekommt er nämlich nicht genug Licht und verschwindet von allein.


Laut Fachliteratur sollte eine Pferdeweide nicht mehr als 30% Kleepflanzen beherbergen. Klee in großen Mengen ist viel zu eiweißreich für Pferde. Rotklee enthält Flavonoide, die in den Hormonhaushalt eingreifen. Der weiter verbreitete Weißklee kann nach Verzehr bei dafür empfindlichen Pferden photosensibilisierend wirken. An unpigmentierten Hautstellen kommt es bei Sonneneinstrahlung zu heftigen Entzündungen.

 

Eine natürliche Artenvielfalt puffert (klimabedingte) Probleme einzelner Arten ab. Die Tiere können ihren natürlichen Instinkt einsetzen, vorrangig das zu fressen, was gut für sie ist, denn sie haben ja die Wahl. Auf einer artenreichen Weide ist es schwer, eine Überdosis von einer einzelnen Art abzubekommen. So gesehen wäre es noch nicht einmal notwendig, Weidelgras und Wiesenschwingel ganz von der Weide zu verbannen.  Nur müssten einheimische Arten auch eine Chance bekommen, wie etwa Glatthafer, Trespe, Knaulgras, Wiesenfuchssschwanz u.v.m. Diese Gräser sind fruktanärmer und rohfaserreicher.  Für Pferde, die ohnehin meistens zu dick sind, genau das richtige. Zu dünne Pferde können immer noch mit Kraftfutter und Heu  zugefüttert werden, aber dies ist bei weitem das geringere Problem als die viel zu häufigen Fälle von Fettleibigkeit,  EMS(Equines metabolisches Syndrom) und Hufrehe.
Doch wie bekommt und man eine artenreiche Weide und erhält diese auch als solche? Lesen Sie dafür hier weiter.