Treiben kann tödlich sein

Photo by Fernando Puente on Unsplash
Nur keine falsche Eile. erst mal hinfühlen

Es ist ja bekannt, dass Pferde etwa bis zu 40 Jahre alt werden können, aber die durchschnittliche Lebenserwartung aller Pferde in Deutschland deutlich niedriger liegt. Laut einer Studie sogar nur bei 8 Jahren. Wie mir auch in meinem Praktikum in einer Pferdeklinik bestätigt wurde, ist eine häufige Ursache für ein vorzeitiges Lebensende die Euthanasie wegen orthopädischer Probleme.

Wie man dies vermeiden kann und einen Prozess, der sich bereits in Richtung Lahmheit entwickelt, wieder zurückdrehen kann, ist die Frage die mich beschäftigt und Hauptzielsetzung meiner Arbeit.

 

Wir alle haben uns irgendwann mal auf ein Pferd gesetzt und es mit welchen Mitteln auch immer zum Vorwärtslaufen animiert. Und uns nichts dabei gedacht.

 

Stellt Euch mal vor, ihr seid am Ende einer langen Shoppingtour oder einer langen Wanderung mit Rucksack. Ihr seid ermüdet, habt aber noch etwas Weg vor euch. Die Treppe hoch. Wie wird euer Bewegungsablauf aussehen? Nicht schön, wahrscheinlich. Irgendwie trampelig, schlapp, schwankend... und es ist euch egal, denn ihr wollt einfach nur nach Hause.

Anderes Szenario: ihr seid auf der Flucht, es besteht Lebensgefahr. Ihr wurdet am linken Bein verwundet. Versucht ihr, mit beiden Beinen gleichlange Schritte zu machen? Nein, ihr nehmt das rechte Bein, um damit möglichst viel Strecke zu machen, ein gleichmäßiger Bewegungsablauf ist im Moment nun wirklich zweitrangig.

 

Worüber ich sprechen möchte sind Prioritäten, Ziele. Es ist sehr interessant sich zu fragen, welches Ziel beim Nervensystem eines Lebewesens in einer bestimmten Situation die oberste Priorität hat.

 

Das Nervensystem verfügt über Schutzmechanismen, die Überbelastungen jedes einzelnen Körperteils vermeiden, mit dem Hauptziel das Überleben zu sichern. Doch daraus ergeben sich viele Ziele: Schutz des kleinen Fingers oder der Eckstrebe des rechten Vorderhufs, Schutz des Kreislaufsystems, Schutz der Geborgenheit in der Gesellschaft oder Herde, Schutz des Lebens langfristig gesehen durch Erreichen des vertrauten Zuhauses. Und nicht immer sind alle Ziele gleichzeitig erreichbar. Es müssen Prioritäten gesetzt werden.

Wirklich den ganzen Körper so schonend zu benutzen, dass er keinem Verschleiß ausgesetzt ist, ist durchaus eine angeborene Fähigkeit von Mensch und Pferd. Doch es ist absoluter Luxus! Es setzt voraus dass Grundbedürfnisse, die als kurzfristig lebensnotwendig eingestuft werden, gedeckt sind. Und das kann für ein Herdentier durchaus die Beziehung zum Menschen sein. Es ist möglich, dass uns das Pferd es recht machen will und dabei aufgibt, auf seinen eigenen Körper zu achten. Es setzt die Priorität auf Kooperation. Uns sollte bewusst sein, wie groß die Verantwortung ist, die uns daraus erwächst.

 

Ein häufiges, in Reithallen zu beobachtendes Szenario. Reiter sitzt auf Pferd, Pferd mag nicht vorwärts gehen. Ist es faul? Es folgt zunächst seinem Instinkt, der nur ein Ziel hat: Überleben. Auch der natürliche Bewegungsdrang, den gesunde Pferde auf der Weide zeigen, ist Ausdruck dieses Instinkts. Es ist vermutlich noch nie ein Wildpferd in freier Natur an Bewegungsmangel vorzeitig gestorben, selbst wenn keine Fressfeinde vorhanden waren.

Mag ein Pferd nicht von alleine laufen, hat das also sicherlich einen Grund. Wer nun treibt, sollte sich im Klaren darüber sein, dass es etwas gibt, über das er hinwegtreibt. Ein Schmerz, eine Verspannung oder Schwäche. Das muss nicht unbedingt schädlich sein, oft liegt die Heilung in der Bewegung. Es kann aber schädlich sein. Ein Pferd, das „trotzdem“ läuft ist nicht dasselbe wie ein Pferd, das freiwillig läuft. Klar kommt es von der Stelle. Doch die Gefahr, dass die Vorwärtsbewegung auf ungleichmäßige Art und Weise erzeugt wird, ist groß. Bei einer gesunden Bewegung bewegen sich immer alle, wirklich alle Gelenke des Körpers mit. Vom Hufgelenk des Hinterhufs bis zum Kiefergelenk. Wer hat wirklich das Auge dafür, zu erkennen, wenn die Bewegungswelle zum Beispiel ein paar Rückenwirbel einfach überspringt. Oder ein Vorderbein mehr Raumgriff zeigt als das andere, wenn dafür das Hinterteil kompensatorisch leicht seitenversetzt arbeitet, so dass das Pferd trotzdem, scheinbar taktrein, geradeauslaufen kann. Oder zu erkennen, dass die Vorhand schon lange im passiven Modus unterwegs ist und von der viel zu stark vorwärtsschiebenden Hinterhand nur noch überrollt wird?

Pferde haben Überlebensmechanismen, mit denen sie trotz Schmerz und Muskelermüdung noch richtig viel Strecke machen können. Ohne, dass ein Raubtier ihnen die Schwäche ansieht. Wenn die Gefahr vorüber ist, nehmen sie sich die Ruhe, die sie zur Erholung brauchen. Und sie tragen dabei kein Gewicht auf dem Rücken, laufen vorwiegend geradeaus und dürfen sich mit ihrem Hals frei ausbalancieren.

 

Wer ein Pferd in eine Form presst, mit Gewicht belastet, es zwingt, viele Kurven zu gehen und zu mehr Tempo zu animieren, als es anbietet, sollte gut wissen, was er da tut.

 

Wenn es um Training geht, besonders auch bei rehabilitierendem Training, kommt man nicht ohne Treiben aus. Natürlich müssen das Reitpferd oder der Patient dazu angeregt werden, an bestimmter Stelle aus der Comfortzone herauszukommen, damit sich Eigenschaften wie Muskelkraft, Konzentration, Koordination weiterentwickeln können. Doch es ist immens wichtig, sich über die dabei verfolgten Ziele im Klaren zu sein. Wir sind uns sicher einig darüber, dass, schnell von A nach B zu kommen heutzutage nicht das primäre und einzige Ziel für ein Pferd sein kann. Es soll dabei vor allem lange gesund bleiben.

 

Ich plädiere dafür, genauer hinzuschauen. Widerstände ernst zu nehmen und sie ganz detailliert zu erkennen. Sich jedesmal zu fragen, ob ein Widerstand wirklich durch mehr Bewegungsanregung behoben werden kann, oder ob er dadurch vielleicht nur verschleiert wird. Erstmal stehenbleiben. Hinfühlen. Langsam reiten. Noch langsamer. Manchmal hilft es auch, schneller zu reiten. Doch nur, wenn man dabei einen gewissen Punkt erreicht, nämlich den, dass die Gesamtkörperspannung des Pferdes alle Gelenke auseinanderhält. Dass die Vorhand durch gesunden, aktiv lastaufnehmenden Schub der Hinterbeine entlastet wird. Wer treibt, aber hinter diesem Ziel zurückbleibt, macht die Dinge nur schlimmer.

Meine Empfehlung ist Situationen zu suchen und zu wiederholen, in denen mein Pferd sich gerne bewegt. Bewegung heißt nicht nur Vorwärts. Bewegung heißt für ein Reitpferd zunächst das Anheben des Rumpfs, sein gleichmäßiges Ausrichten zwischen den vier Beinen. Die Mobilität des Unterkiefers, erkennbar am „Kauen“. Das Fließen von Impulsen durch den Körper im Gegensatz zu ruckartigen Muskelkontraktionen, stampfendem Auffußen und viel Schwanken.

 

Die Kunst ist, zu erkennen, wann ich meinem Pferd damit helfe, wenn ich punktuell Druck auf es ausübe und wann ich lieber zunächst etwas ganz anderes versuchen sollte. Das andere kann auch eine tierärztliche Untersuchung, andere Hufbearbeitung oder zum Beispiel auch nur ein anderes Hinlegen des Sattels sein. Manche Reiter satteln zu weit vorne und blockieren dadurch die Schulterblätter. Nur als Beispiel. Und eine der wichtigsten Fragen, die man sich stellen sollte: störe ich mit meinem eigenen Körper das Pferd? Egal, wie viel ich über das Reiten gelernt habe, mein Körper muss auch in der Lage sein, dies umzusetzen. Die Bewegungen des Pferdes mitzumachen ist nicht immer möglich, auch wenn man sich noch so sehr bemüht. Da stehen dann erstmal Gymnastikübungen oder Therapie für den Reiter an. All das muss geklärt sein, bevor ich mein Pferd als faul bezeichne und treibe. Denn es wird zwar irgendwann laufen, doch zu welchem Preis?

 

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Hworld (Sonntag, 07 April 2019 15:10)

    Hey, danke für diese Information! Gibt es einen Weg, indem ich mehr Informationen zu diesem Thema finde, damit ich einen Beitrag in meiner lokalen Universität darüber machen könnte? https://uautonoma.cl/ Vielen Dank im Voraus!