Die beliebtesten Denkfehler bei Pferdebesitzern

Einige Denkfehler, denen wir häufig aufsitzen und die uns ziemlich orientierungslos werden lassen, haben mit dem Vereinfachen von Ursache-Wirkung-Zusammenhängen zu tun. Hier sind meine Lieblings-Pferdebesitzer-Denkfehler

 

  1. der je mehr-desto-mehr-Denkfehler
  2. das Denken in linearen Funktionen
  3. der Ursache-weg = Problem-weg- Denkfehler
  4. der eine-Ursache-Denkfehler
  5. das falsche Ausschlussverfahren

 

  1. .Unser Gehirn will alles vereinfachen. Es hat ja ohnehin schon mehr als genug zu tun. So neigt man dazu, wenn auf eine bestimmte Maßnahme eine Verbesserung der Situation gefolgt ist und man dies auch in einen Kausalzusammenhang bringen kann, davon auszugehen, dass mehr von dieser Maßnahme auch mehr hilft. Und in einem gewissen Rahmen ist das auch so. Beispiel: in meiner Wohnung sind es nur 15°. Ich friere. Also drehe ich die Heizung auf. Bei 18° fühle ich mich schon wohler, aber es fröstelt mich immer noch. Als die Raumtemperatur 21° erreicht hat, fühle ich mich pudelwohl. Hätte ich bisher keine weiteren Erfahrungen zum Thema Temperatur gemacht, könnte ich nun schlussfolgern: höhere Temperatur = mehr Wohlbefinden. Dies wäre eine Funktion mit permanent ansteigendem Wert. Natürlich ist das unzutreffend. Alle Lebewesen haben ein Temperaturoptimum, in dem sie sich wohlfühlen. Eine Unterschreitung ist genauso lebensfeindlich wie eine Überschreitung. Hierzu Beispiele aus der Pferdewelt, das erste sogar direkt mit dem Faktor Temperatur: Wenn bei einer Sehnenentzündung im Winter Keramikfasergamaschen geholfen haben, heißt das nicht, dass sie im Sommer auch helfen werden. Im Winter konnten sie durch Rückreflektieren der Körperwärme das erkrankte Gewebe an sein Temperaturoptimum annähern und so die Heilung fördern. Im Sommer können sie einen sehnenfeindlichen Hitzestau verursachen und Kühlen mit Wasser wäre eine viel bessere Idee. Ein anderes Beispiel kennt man aus dem Bereich der Fütterung. Man hat die Erfahrung gemacht oder gelesen, dass ein Zuviel an bestimmten Nährstoffen oder Futterzusätzen den Stoffwechsel belasten, hat vielleicht den Rat bekommen, das Pferd zu „entgiften“. Daraufhin verspürt man oft den Impuls „Ich lass jetzt alles weg, außer Heu. Je weniger (für mich unbekannte) Dinge in mein Pferd hineingelangen, desto weniger wird es vergiftet.“ Auch diese Schlussfolgerung ist natürlich unzulässig, da viele Nährstoffe in Zusatzfuttermitteln eine lebensnotwendige Ergänzung zu suboptimalem Heu sein können und auch sekundäre Pflanzenstoffe aus Kräutern durchaus den Stoffwechsel zur Entgiftung anregen und entlasten können.
  2. In der Mathematik kennt man lineare und exponentielle Funktionen. Die Linearen sind zum Denken und zum Rechnen einfacher. In der Natur folgt nur leider so gut wie nichts linearen Funktionen. Das Wachstum einer Bakterienpopulation zum Beispiel steigt fast immer anfangs sehr langsam an, ab einer gewissen Zahl dann plötzlich sehr schnell und bei Überschreitung eines weiteren Punktes kann es dann extrem schnell wieder nachlassen oder es kann sogar zur Auslöschung der Population kommen. Ähnlich verhält es sich mit unseren Sinneswahrnehmungen. Unsere Fähigkeit Sinnesreize voneinander zu unterscheiden, folgt einer Exponentialfunktion. Bei sehr schwachen Reizen, z.B. sehr leisen Geräuschen, können wir sehr feine Unterschiede in der Lautstärke wahrnehmen, bei sehr lautem Krach interessiert es uns nicht mehr, ob es sich um 100 oder 103db (dezibel) handelt. Dies gilt auch für andere Sinnesreize jeweils innerhalb eines abgegrenzten, im Alltag entscheidenden, Intensitätsbereichs.  (siehe Weber-Fechnersches Gesetz) Die Verdopplung einer physikalisch messbaren Reizintensität nehmen wir als Steigerung von etwa 30% wahr. Das heisst beim Tastsinn zB: eine Drucksteigerung 50g auf 100g macht empfindungsmäßig den gleichen Unterschied wie die von 1kg auf 2kg.  Natürlich gilt das für die Empfindungen der Pferde auch.  Wenn man beim Training des Pferdes bemerkt, dass es auf eine Hilfe nicht wie gewünscht reagiert, sollte man sich gut überlegen, ob und wie stark man die Intensität von Schenkeldruck, Zügelzug, Gerte etc steigert. Befinde ich mich bereits im Bereich einer sehr hohen Reizintensität, muss ich, um doch noch eine Reaktion zu erhalten, diesen Reiz logischerweise viel mehr verstärken, um ihn zu verdoppeln, als es bei niedriger Intensität der Fall wäre.  Dieses Verstärken im oberen Reizbereich kann somit sehr unschön und grob wirken, aber es macht nunmal für das Pferd keinen Unterschied ob man mit 2kg oder mit 2,5kg auf seinen Bauch trommelt. (Die Werte sind von mir frei erfunden, ich habe nicht gemessen, wieviel ein üblicher Schenkeldruck wiegt - soll nur der Veranschaulichung dienen) Somit wird klar, wie erstrebenswert es ist, dem Pferd alle Hilfen systematisch und einzeln beizubringen, so dass es sie versteht, damit man, zumindest langfristig, im ganz niedrigen Intensitätsbereich bleiben kann. Eine Grundsituation der Ruhe und Reizfreiheit zu schaffen, damit ein gezielt gesetzter feiner Reiz auch als solcher wahrgenommen werden kann. Wenn man sich in einzelnen Fällen jedoch für eine Verstärkung eines intensiven Reizes entschieden hat, dann muss man ihn auch so lange steigern, bis eine Reaktion kommt. Ansonsten hat sie auf das Pferd nur eine abstumpfende Wirkung, da der Reiz in seinem Empfinden einfach nur gleichbleibend lästig ist.  Für Exponentialfunktionen außerdem charakteristisch sind Schwellenwerte an denen sich das Verhalten der Kurve deutlich ändert und man somit durch das Hinzufügen von „ein bisschen“ plötzlich ganz andere Ergebnisse erzielt. So auch wenn es um den Zusammenhang zwischen Tempo innerhalb einer Gangart und Gangqualität geht. Es kann einem Reiter durchaus bewusst sein, dass sein Pferd auf einem zu niedrigen Energielevel läuft, um einen Trainingseffekt zu erzielen. Er treibt es an, aber recht halbherzig und er denkt: wenigstens läuft es jetzt ein bisschen schneller. Die Tempoerhöhung hat aber noch nicht dazu geführt, dass das Pferd sein Laufverhalten ändert, indem es kadenziert läuft, also den Katapulteffekt seiner elastischen Faszien nutzt, um effizienter von der Stelle zu kommen. Bleibt es unter diesem kritischen Wert an Gehfreude, fühlt es sich nur gescheucht und gehorcht mit Tempoerhöhung jedoch in einem ungesunden, schleppenden Bewegungsmuster. Hier hat man also mit dem Hinzufügen von etwas Energie gar nichts gewonnen, während das Hinzufügen von etwas mehr Energie, das Laufmuster grundlegend verändern hätte können. Das gleiche gilt für die Verlangsamung. Ein langsam gerittener Schritt bringt meiste keine Verbesserung der Bewegungsqualität, erst wenn man noch langsamer als langsam reitet, erhält man den sogenannten „gemessenen Schritt“ der sich biomechanisch völlig unterscheidet von einem gemütlichen Schlendern und auch sehr viel anstrengender ist. Deshalb sollten Reitlehrer vorsichtig sein mit Tipps wie „langsamer“ oder „vorwärts“ bzw „fleißiger“, wenn sie nicht erklären, was genau sie damit in der jeweiligen Situation in Bezug auf die Bewegungsqualität bezwecken. Oder anders gesagt, Reitschüler sollten diese Hinweise nicht verallgemeinern. Wenn ich die Bewegung meines Pferdes verändern will, kommt es also nicht nur darauf an, welche Einwirkung oder Übung ich dazu verwende, sondern sehr darauf, wie viel davon ich anwende. Erreiche ich überhaupt die Schwelle, bei der sich etwas zum Positiven verändert und überschreite ich auch nicht die Schwelle, an der die Situation ins andere Extrem kippt?  Der Bereich zwischen den Schwellen kann ein schmaler Grat sein.
  3. Es ist toll, wenn man Ursachen für Probleme findet. Aber es ist meistens nicht so einfach, dass man die Ursache einfach entfernt und schwupp ist das Problem weg. Gerade in einem Lebewesen können Ursachen einen Prozess auslösen , der nicht so einfach rückgängig zu machen ist. Was würdet ihr dazu sagen, wenn ein langjähriger Raucher mit chronischer Bronchitits für zwei Wochen auf Zigaretten verzichtet, keine Verbesserung bemerkt und wieder weiter raucht mit der Begründung: „Am Rauchen kann es also nicht liegen.“ Mir sind ganz ähnliche Argumente in der Pferdepraxis begegnet. Das Pferd hustet mit nassem Heu oder auf Stroh genau so weiter, also kann ich auf diese Maßnahmen verzichten, da die Ursache ja eine andere sein muss. Oder die Schlussfolgerung: „Der Sattel passt nicht? Aber das Pferd läuft auch ohne Sattel/ nach Sattelanpassung nicht besser. Dann kann es ja nicht daran liegen.“ Falsch. Viele Ursachen sind „Auslöser“, das heißt sie lösen einen Krankheitsprozess aus, der mit einer generellen Überempfindlichkeit einhergeht. Nach einem Satteldruck muss sich die betroffenen Stelle erstmal erholen. Sie wird auch mit einem korrigierten Sattelpolster nicht plötzlich schmerzfrei. Auch eine osteopathische Behandlung ist keine Wunderheilung. Nach Behebung einer Blockade, ist das Pferd nicht wie neu. Es ist lange in einer Schonhaltung gelaufen und hat seine Muskulatur ungleichmäßig trainiert. Das selbe nach einer überfälligen Zahnbehandlung. Diese spektakulären Fälle, in denen eine  Maßnahme plötzlich zur Beschwerdefreiheit geführt hat, gibt es. Sie sind extrem selten, aber sie sprechen sich wahnsinnig schnell herum und prägen sich sehr stark ein. Ursachenbeseitigung ebnet den Weg zur Heilung. Die Heilung beginnt jetzt erst und braucht ihre Zeit. 
  4.  Ich nehme bei Pferdebesitzern geradezu eine Sehnsucht wahr, für ein vorhandenes Problem DIE EINE Ursache zu finden. Die eine Wirbelblockade. Der Röntgen-oder Ultraschall-Befund. Die eine Entzündung einer ganz bestimmten Struktur im Bewegungsapparat. Der eine Blutwert, der eine Krankheitserreger oder Parasit. Der unpassende Sattel, das falsche Futtermittel, das Zahnproblem. Was es auch sein mag, was da als Übeltäter entdeckt wurde, bzw nach dem noch gesucht wird... andere Faktoren, die ebenfalls zum Problem beigetragen haben könnten werden ignoriert, schöngeredet oder per seltsamen Ausschlussverfahren beiseite gewischt. Ein mittlerweile recht bekanntes Beispiel GEGEN monokausale Denkweise in der Pferdemedizin sind verschiedene Studien, bei denen Röntgenuntersuchungen an klinisch gesunden Pferden, die keine Rückenbeschwerden zeigten, vorgenommen wurden. Es zeigte sich, dass bei einer beträchtlichen Anzahl dieser Pferde Veränderungen an den Dornfortsätzen, die man als „Kissing Spines“ bezeichnet, gefunden wurden (Quelle: Röntgenbefunde an den Dornfortsätzen klinisch rückengesunder Warmblutpferde INAUGURAL-DISSERTATION von Matilda Holmer) Dem Trainingszustand und der Gymnastizierung wird also in puncto Funktionalität des Pferderückens eine mindestens ebenso entscheidende Rolle zugesprochen wie den Röntgenbefunden. In der zitierten und auch vorherigen Studie(n) werden Tierärzte dazu angehalten, falls sie selbst nicht sachkundig in der Ausbildung von Reiter und Pferd sind, sich diesbezüglich von qualifizierten Personen beraten zu lassen. Es wird sogar das diplomatische Geschick erwähnt, das notwendig ist, um Reiter über die wahren Ursachen der Beschwerden ihres Pferdes aufzuklären. Reiter wollen nicht hören, dass sie mitschuldig sind. Und manche Tierärzte scheinen dies sogar noch zu bedienen. Ich habe Pferdebesitzer aus der Klinik zurückkehren sehen, mit der Erkenntnis, dass das Pferd an Spat leide und dieser sei genetisch bedingt. Es läge nicht am Reiten. Natürlich nicht. Vermutlich spielen die Gene tatsächlich eine Rolle. Vielleicht handelt es sich um eine Rasse mit großvolumigem Knochenbau und die Anfälligkeit für Knochenerkrankungen ist im Vergleich zu anderen Rassen erhöht. Dies kann man aber vorher wissen und hat als Reiter die Aufgabe, gezielt auf Knochendichte hin zu trainieren und zu füttern. Was natürlich Zeit und Mühe erfordert. Diese spektakulären Fälle, bei denen eine einzelne Maßnahme/Heilmethode/ Medikament etc. auf der Stelle den Durchbruch gebracht hat, sind kritisch zu sehen. Vielleicht war die Maßnahme bei diesem individuellen Pferd genau das fehlende Mosaiksteinchen. Bei einem anderen Pferd können ganz andere Steinchen fehlen. Es ist schade, dass es unserem Gehirn so schwerfällt, anzuerkennen, dass es nicht die eine Ursache gibt, und deshalb auch nur eine Veränderung mehrerer Faktoren gleichzeitig eine tatsächliche Verbesserung oder sogar Heilung bewirken kann. Besonders schade ist, dass wir die Ursache “Benutzerfehler“ so gerne verleugnen. Denn hierbei haben wir doch die allerbesten Chancen etwas zu verändern und somit die allergrößte Hoffnung!
  5. Manchmal frage ich mich, mit was für einer Gewissheit Menschen Ursache-Wirkung-Beziehungen ausschließen können. Beispiel: ich rate dazu, ein Pferd mit obstruktiver Bronchitis nicht mehr auf Stroh zu halten. Antwort: am Stroh kann es nicht liegen, da es im früheren Stall gar kein Stroh gab und es da auch schon so schlimm war. Also wird das gar nicht erst ausprobiert. Oder der Einwand auf die Aussage, dass Hufeisen die Durchblutung beeinträchtigen, dann müssten ja alle beschlagenen Pferde angelaufene Beine haben. Generell beginnen viele voreiligen Schlussfolgerungen mit „Dann müssten ja alle....“ Oder eine Aussage wird als unwahr abgestempelt, weil man ein Gegenbeispiel kennt. Dass dieses Gegenbeispiel ein Einzelfall ist und nicht 95% der Pferdepoulation repräsentiert, wird außer acht gelassen. Unser Gehirn liebt es, unbequeme Dinge auszuschließen, so wie man die Unbekannten aus einer Gleichung wegkürzt. Es vereinfacht unsere Situation und macht sie übersichtlicher. Dies oder jenes kann ja nicht sein weil...“Ich glaub`s halt nicht.“ oder „Ich nehme das nicht so wahr.“ oder „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das nicht der Grund ist.“ oder „An der Hufbearbeitung kann es nicht liegen. Meine Hufbearbeiterin ist gut, sie hält Vorträge auf der Equitana“ oder "Mit meinem Schmied/Trainer/etc war ich immer zufrieden" (Zufrieden? Aber nach welchen Kriterien? Bei einem chronisch lahmenden Pferd...Vielleicht war er oder sie nett...)  oder „Ich habe das immer so gemacht und so hat es immer funktioniert, also ist das die sicherste Variante“

 

Man sieht, die verschiedenen Denkfehler gehen nahtlos ineinander über. Sie lauern überall. Unser Gehirn funktioniert einfach so. Trotzdem können wir, wenn wir wirklich ein Problem haben, insbesondere wenn ein anderes Lebewesen das Leidtragende ist, unser Denken immer wieder kritisch hinterfragen. Daraus ergibt sich auch die Möglichkeit, systematisch die Situation zu verändern und tatsächlich logisch zulässige Rückschlüsse über Ursachen und Wirkungen ziehen zu können. Bei so einem komplexen Thema wie der Pferdegesundheit, ist es dafür ganz sicher nötig, sich Notizen zu machen. Z.B. in Form eines Tagebuchs bei sporadisch auftretenden Beschwerden. Einer Auflistung möglicher Faktoren , damit man nicht den Überblick verliert. Und um Emotionen und das eigene Ego aus der Bewertung herauszulassen. Denn diese sind ganz oft Schuld am Brett vor unserem Kopf. Dabei ist es doch toll wenn es die Möglichkeit gibt, selbst aktiv etwas zu verbessern, durch die Aufgabe alter Gewohnheiten und Offenhenheit für Neue.